Samstag, 25 Sep 2021
In Afghanistan haben die USA Nation-building nie ernsthaft versucht.
In Afghanistan haben die USA Nation-building nie ernsthaft versucht. Foto: Amber Clay
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Der Historiker Heinrich August Winkler blickt mit großer Sorge auf die Entwicklung in Afghanistan. Winkler sagte der "Heilbronner Stimme" (Samstag): "Wir müssen mit einem schrecklichen Ende rechnen, das ältere Beobachter an das Jahr 1975 zurückdenken lassen wird. Ich kann mich lebhaft erinnern an die Bilder von den Hubschrauber-Flügen der Amerikaner, mit denen sie dann noch einige ihrer südvietnamesischen Verbündeten aus dem belagerten Saigon zu retten versuchten. Man muss kein Pessimist sein, um zu befürchten, dass sich solche Szenen im Kabul von 2021 wiederholen könnten." Die Rückkehr der Taliban an die Macht sei jetzt wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit.

Diese groteske Kombination von Corona und Terror ist auch eine ebenso Metapher auf unsere Zeit.
Foto: Aneta Pawlik

Der unverwüstlich-sture Geist von Wien

Winkler fügte hinzu: "Der islamistische Terrorismus ist seit 9/11 eine Bedrohung, mit der die Welt leben muss. Der transatlantische Westen wird zudem herausgefordert durch den Aufstieg der Volksrepublik China zur Weltmacht und die autoritäre Stabilisierung Russlands unter Putin. Weitere Machtzentren sind hinzugekommen. Die Macht des Westens hat, verglichen mit der Zeit um die Jahrtausendwende, erheblich abgenommen."

Der Historiker urteilt: "In Afghanistan haben die USA Nation-building nie ernsthaft versucht. Das haben sie den Europäern und vor allem den Deutschen überlassen, die damit überfordert waren und sich sicherlich auch manche Illusion mit Blick auf die Umformbarkeit einer zutiefst traditionell geprägten Gesellschaft gemacht haben. Beim Irakkrieg haben sich die USA unter George W. Bush, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und den anderen neokonservativen Akteuren dem Wunschdenken hingegeben, sie könnten die Demokratie mit militärischen Mitteln, gewissermaßen im Tornister der GIs, dort einführen."

Heinrich August Winkler (82) gilt als einer der wichtigsten deutschen Zeithistoriker. Im Bundestag hielt er die Hauptrede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Die Leipziger Buchmesse ehrte Winkler 2016 mit dem Preis zur Europäischen Verständigung. Die Auszeichnung galt seinem vierbändigen Opus magnum "Geschichte des Westens", das er 2015 mit dem Band "Die Zeit der Gegenwart" abschloss. Längst ein Standardwerk ist Winklers Studie "Der lange Weg nach Westen" (2000). Ende August erscheint im Beck-Verlag: "Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte." Winkler lehrte von 1972 bis 1991 als Professor in Freiburg, danach an der Humboldt-Universität in Berlin.

Zum kompletten Interview bei Quelle.

Quelle: ots/Heilbronner Stimme
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